Prolog 9

Da, wieder das Stöhnen, diesmal in unmittelbarer Nähe. »Verdammt, warum kann es nicht etwas heller sein!« Er schaut nach oben und sieht, dass der Rand der Öffnung, durch die er reingefallen ist, inzwischen deutlich zu erkennen ist. »Na super«, denkt sich Jerry und spuckt dabei auf den Boden, »hätte die Sonne nicht schon früher darauf scheinen können?«

Die wenigen Sonnenstrahlen, die es schaffen, über Umwege nach unten zu gelangen, reichen gerade mal aus, um erahnen zu können, was in Reichweite seiner Arme vorhanden ist. Wie beim Topfschlagen auf seiner Geburtstagsparty tastet sich Jerry zentimeterweise vor. Das Topfschlagen ist schon ein paar Jahre her, aber wie wünschte er sich, auch diesmal ein wenig schummeln zu können.

»Gewonnen«, stammelt Jerry, als seine Hände etwas umgreifen, dass sich anfühlt wie Haut, glatte, weiche und kühle Haut. Entgegen aller Warnhinweise, die wie ein Schauer auf ihn einprasseln, tasten seine Hände wie fremdgesteuert weiter. Zu seiner großen Betrübtheit gelangt er zu der Erkenntnis, dass das, was er da gerade abtastet, nicht von einem Tier stammen kann. Ein Sturm an Eindrücken durchfährt ihn, genährt aus zahllosen Horrorfilmen. Gerade jetzt bereut er zutiefst, dass er sie sich angeschaut hat, immer dann, wenn seine Mutter ihn alleine lassen musste. Mechanisch und ohne dass er sich dessen bewusst ist, gleiten seine Hände tastend nach oben. Tausend Gedanken versuchen ihm eine Antwort zu geben, für die Eindrücke, die seine Finger ihm liefern. Und die einzige Antwort, die sein rationaler Verstand ihm nun anbieten mag, ist … »Ein Mensch!«

Natürlich, wieso hatte er das nicht bereits vorher bemerkt. Seine Hände tasten hastig den Oberkörper des unheimlichen Wesens ab. In den Nachrichten liefen immer wieder Meldungen über verunglückte Kletterer. Manche wurde gerettet, die hatten Glück. Manche konnten nur tot geborgen werden, die hatten weniger Glück und einige, auch das kam schon mal vor, konnten trotz langer Suche durch das Rettungsteam, nicht mehr wiedergefunden werden. Die hatten Pech. Vermutlich waren sie in einer der zahlreichen Felsspalten ausgerutscht und sind von alleine nicht mehr rausgekommen. Die Spalten waren üblicherweise auch ziemlich tief und eng, so hatte Mr. Thomson, ihr Erdkundelehrer, mal erzählt, da konnte man schreien, wie man wollte, da würde kein Laut nach oben dringen. Der Wind würde jeden Laut verschlucken, noch bevor er nach oben gelangen konnte.

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